Blick auf die Märkte im August 2018 #1

Krisenstimmung am Bosporus

August 2018
Dr. Martin Lück
Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock

Wenn zwei Egos wie jene von Donald Trump und Recep Tayyip Erdogan aufeinandertreffen, verspricht es unterhaltsam zu werden. Im Fall der aktuellen Konfrontation tritt der Entertainmentfaktor aber in den Hintergrund, denn die Sorgen vor einem regelrechten ökonomischen Kollaps in der Türkei sind allzu real. Die Folgen auch für europäische Assets wären alles andere als vernachlässigbar. Zum einen liegt dies an möglichen Ansteckungseffekten für Schwellenlandanlagen, sollte die Türkei – unter den Schwellenländern die siebtgrößte Volkswirtschaft – wirklich zahlungsunfähig werden. Zum anderen wären in diesem Fall wohl Kreditengagements europäischer Banken gefährdet, mit eventuell milliardenschweren Ausfällen vor allem bei spanischen und französischen Banken. Die möglichen Folgen für Aktien der betroffenen Institute sind offensichtlich. Eine fortschreitende Underperformance des europäischen Bankensektors gegenüber der amerikanischen Konkurrenz wäre wohl die Konsequenz.

Ein kurzer Blick auf die Türkei verheißt nichts Gutes. Präsident Erdogan hat mit der vorgezogenen Neuwahl am 24. Juni die vermutlich letzte Gelegenheit ergriffen, die absolute Macht im Land an sich zu reißen. Angesichts der in steiler Talfahrt befindlichen Volkswirtschaft wäre ihm selbst ein knapper Wahlsieg schon wenige Monate später nicht mehr sicher gewesen – selbst unter Einsatz der erheblichen Manipulationen, von denen vielfach schon für die Wahl am 24. Juni berichtet wird. Nun ist die Wirtschaft heiß gelaufen nach zahllosen Programmen, mit denen Erdogan sich das Wohlwollen der Konsumenten sichern wollte, die Inflationsrate erreichte im Juli 15,9%, und die Zentralbank tut sich schwer, die Geldpolitik entsprechend restriktiv zu gestalten. Denn steigen jetzt die Zinsen stark an, würde das Wachstum leiden und den Präsidenten die mühsam erkaufte Wählerunterstützung kosten. Kein Wunder, dass viele Investoren auf Beteuerungen von Berat Albayrak, seines Zeichens Finanzminister und rein zufällig Erdogans Schwiegersohn, die Zentralbank sei unabhängig, nichts mehr geben. Die Lira befindet sich seit geraumer Zeit quasi im freien Fall. Da hilft es nicht, dass die Türkei mit hohen Auslandsschulden und sehr niedrigen Währungsreserven anfällig für Kapitalabflüsse ist, eine Kombination, die das Land schon im Taper Tantrum-Sturm des Frühjahrs 2013 in den Fokus der Krise gebracht hatte. Wir halten eine Staatspleite in der Türkei inzwischen für eine Frage der Zeit, sollte sich die Regierung nicht doch noch zu einer Abbremsung der heiß gelaufenen Wirtschaft durchringen.

Interessant ist dabei, mit welcher Vehemenz der US-Präsident sich nun Erdogan vorknöpft. 50% auf Stahl und 20% auf Aluminium betragen seit Trumps jüngster Twitter-Eruption die Strafzölle, mit denen türkische Exporteure im US-Markt zu kämpfen haben. Das ist schmerzhaft, obwohl der türkische Stahlexport in die USA weniger als 1% der Gesamtausfuhren ausmacht. Für Trump hingegen scheint Erdogan als Ersatzfeindbild hochwillkommen zu sein. Nach der unerwarteten Charmeoffensive des EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker Ende Juli in Washington ist Trump Europa – zumindest vorübergehend – als Feindbild im Handelskonflikt abhanden gekommen. Und Feindbilder braucht er, um mit Blick auf die Kongresswahlen am 6. November Stammwähler an Bord zu halten. Kein Wunder also, dass nach dem Juncker-Besuch die Attacken gegen China und Russland wieder umso schärfer wurden. Und die Türkei kommt in diesem Klub gerade recht.

Was bedeutet das für Anleger?

Apropos Handelskrieg: Wir glauben nach wie vor, dass Trump vor allem mit Blick auf die Kongresswahlen das Thema am Kochen halten will und deshalb gar kein Interesse an einem voreiligen Frieden hat. Gleichermaßen erwarten wir aber, dass er sich nach den Wahlen als Dealmaker präsentieren will, und das geht am besten, wenn die Zölle sinken. Seinen Wählern wird er dann sagen: Seht her, man muss den Europäern und Chinesen nur hart genug begegnen, dann bekommt man auch einen guten Deal. Am Ende dürften niedrigere Zölle für alle die Folge sein. Bis dahin wird es allerdings noch turbulent.

Als zweiter Aufreger dient dieser Tage gern die auffällig flache Zinskurve in den USA. Üblicherweise sei sie ein zuverlässiger Rezessionsindikator, so viele Kommentare. Auch hier ist unsere Einschätzung aber weniger dramatisch, denn das entscheidende Wort lautet ‚üblicherweise‘. Gerade weil wir keinen typischen Konjunktur- und Zinszyklus vor uns haben, dürfte die Aussagekraft einer inversen Kurve in den USA geringer sein als bei früheren Gelegenheiten. Die Zinspolitik dürfte dem gewinngetriebenen weiteren Kursanstieg Richtung Jahresende, vor allem in den USA, keinen nennenswerten Strich durch die Rechnung machen.

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