Blick auf die Märkte im September 2018 #2

Italienischer Budgetentwurf als europäischer Brustlöser?

25. September 2018
Felix Herrmann, CFA
Kapitalmarktstratege

Am kommenden Donnerstag erfahren wir, wie viel Geld die neue italienische Regierung im kommenden Jahr auszugeben gedenkt. Auf kaum eine andere Nachricht wartet der Markt derzeit so gebannt wie auf die Veröffentlichung des italienischen Budgetentwurfs für das Jahr 2019. Bereits in der vergangenen Woche hatten wir erwähnt, dass die eigentliche Zielgröße für Italien bei 1,1 Prozent der Wirtschaftsleistung liegt. Wenig spricht jedoch dafür, dass Lega und Fünf-Sterne diese Marke tatsächlich erreichen werden. Zu vollmundig waren die Versprechen beider Parteien im Wahlkampf und zu groß dürfte aus ihrer Sicht die Gefahr enttäuschter Wähler sein, wenn „zu stark“ gespart wird. Gleichzeitig scheint allerdings auch die Sorge vor einem aus dem Ruder laufenden italienischen Haushaltsentwurf übertrieben. Weniger die erhobenen Zeigefinger aus Brüssel als wohl vielmehr die nach dem Wahlsieg der aktuellen Regierung gestiegenen Risikoprämien auf italienische Staatsanleihen hatten offenkundig eine Art pädagogische Wirkung auf die handelnden Akteure in Rom. Nicht nur Salvini von der Lega, sondern auch der italienische Finanzminister Tria werden dieser Tage nicht müde zu versichern, die Italiener werden die Vorgaben des Stabilitäts- und Wachstumspakts (SWP) einhalten. Bekanntlich liegt die magische Grenze hier bei drei Prozent der Wirtschaftsleistung eines Landes, wenngleich der SWP in den letzten Jahren kaum noch das Papier wert war, auf dem er geschrieben wurde.

Gut möglich, dass am Ende ein Haushaltsentwurf für das kommende Jahr vorgestellt wird, der eine Neuverschuldung in der Größenordnung zwischen zwei und drei Prozent der Wirtschaftsleistung vorsieht. Also eigentlich zu viel aus Brüsseler Sicht – aber ob bei einer Einhaltung der so wichtigen Drei-Prozent-Grenze wirklich ein großes Fass seitens der EU aufgemacht wird, ist doch mehr als fraglich.

Abgesehen von einer ausbleibenden Mehrwertsteuererhöhung könnte die neue Regierung in Italien in dem Entwurf möglicherweise nur kleine Teile der Großgeschenke einer „Flat-Tax“ oder dem Grundeinkommen für alle unterbringen. Denkbar auch, dass die Einführung dieser Wahlgeschenke auf die Jahre 2020 fortfolgend verschoben wird. Von Bedeutung wird insbesondere sein, welche Wachstumsannahme die Regierung dem Haushaltsentwurf zugrunde legt, denn je höher das prognostizierte Wachstum, desto höher selbstredend der Spielraum beim Geldausgeben, ohne dass Brüssel nervös wird. Hier wird es am Ende an der EU-Kommission liegen, einzuschätzen, inwieweit diese Annahmen realistisch sind. Eine abschließende Bewertung wird es erst in mehreren Wochen geben.

Was bedeutet das für Anleger?

Sollte sich die Regierung in Italien nicht mit Brüssel und somit auch nicht mit den Finanzmärkten anlegen, könnte die aktuelle Risikofreude der Anleger weiteres Futter erhalten. Obwohl bis auf weiteres nur bei den US-Aktienindizes neue Allzeithochs gefeiert werden dürften, könnte eine italienische Regierung, die nicht auf Kollisionskurs mit der EU unterwegs ist, für europäische Aktien eine Art Brustlöser darstellen. Denn gerade Investoren außerhalb Europas waren bis zuletzt zurückhaltend in Bezug auf europäische Aktien, da die Sorge vor einer platzenden Bombe in Italien durchaus groß gewesen ist.

In den Vereinigten Staaten ließen derweil anziehendes Lohnwachstum, starke Wirtschaftsdaten und die Aussicht auf steigende Preise für Konsumgüter aufgrund höherer US-Importzölle auf Einfuhren aus China die Zinsen klettern. Auch eine vierte Zinsanhebung der Fed in diesem Jahr (nach der sehr so gut wie ausgemachten Anhebung in dieser Woche) wird an den Märkten als immer wahrscheinlicher eingestuft. Die eingepreiste Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Zinsschritt kurz vor Weihnachten liegt aktuell bei knapp 80 Prozent (Quelle: BlackRock Investment Institute, September 2018). Die Zinsen in Europa wurden von den US-Zinsen mit nach oben gezogen.

Trotz der deutlich steigenden US-Zinsen verlor die US-Währung jüngst spürbar an Wert. Gut möglich, dass die Schwäche des „Greenback“ mit der Tatsache zusammenhängt, dass viele Investoren der Meinung sind, die Zinsspanne zwischen den USA und dem Rest der Welt habe nun bald ihren Höchstwert erreicht, sodass es von hier aus wieder bergab gehen dürfte, was wiederum Euro & Co zur Stärke verhelfen sollte. Mit anderen Worten: Gewichtige Argumente pro US-Dollar sind bereits im Dollarkurs enthalten. Da das hohe Leistungsbilanzdefizit der USA mit dem Rest der Welt sowie die im Industrieländervergleich hohe Inflation in den Staaten ohnehin für einen schwächeren Dollar sprechen, tut sich die US-Währung derzeit schwer und könnte dies auch weiter tun. Gerade für die zuletzt so gescholtenen Risikoaktiva aus den Schwellenländern könnten das gute Nachrichten sein.

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