Blick auf die Märkte im Dezember 2018 #1

Jahresendrally:  ja oder nein?

04. Dezember 2018
Dr. Martin Lück
Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock

Es war wieder mal ein echter Trump. Kaum zurück vom G20-Treffen in Buenos Aires twitterte der US-Präsident, China habe zugestimmt, seine 40%-Zölle auf Autoimporte aus den USA „zu senken und abzuschaffen“. Vermutlich soll sich jeder die für ihn passende Wahrheit heraussuchen. Nicht überraschend, dass entsprechende Meldungen in chinesischen Medien sehr viel zurückhaltender klangen. Fakt ist aber auch: Trump schafft es wieder mal, sich als best dealmaker ever zu verkaufen, und um nichts Anderes geht es. Die jetzt mit Xi Jinping ausgehandelte Aussetzung neuer Zölle um 90 Tage gibt Trump die Möglichkeit, das Thema am Köcheln zu halten, um es in den beginnenden Vorbereitungen für den Präsidentschaftswahlkampf 2020 jederzeit wieder hervorzuholen. Seinen Stammwählern präsentiert er sich als Präsident, der seine Versprechen einlöst.

So bizarr derart offensichtliches Possenspiel auch anmuten mag, für die Finanzmärkte ist der ‚Waffenstillstand im Handelskrieg‘ dennoch eine gute Nachricht. Denn zurzeit kommt angesichts der Mixtur aus Wachstumszweifeln, Angst vor höheren Zinsen und einer ganzen Phalanx an Politikrisiken jede Entspannung gerade recht, sei sie auch noch so absurd. Somit fügen sich die Nachrichten aus Buenos Aires perfekt in das Bild einer leichten Aufhellung am Risikohimmel, denn auch bezüglich Brexit und Italien klangen die Meldungen zuletzt versöhnlicher. Dazu kam, dass Fed-Chairman Jerome Powell Erwartungen langsamerer Zinsanhebungen verstärkte. Der Cocktail dieser Nachrichten ließ amerikanische Aktienpreise im Verlauf der Vorwoche um kräftige 4,7% nach oben schnellen. In Europa reichte es immerhin für ein knappes Prozent.

Während durchaus möglich ist, dass diese Gangart auch die verbleibenden Wochen des Jahres prägt, lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen. So erscheint der deutliche Rückgang bei den italienischen Risikoaufschlägen im Zehnjahresbereich (17 Basispunkte über die Vorwoche) recht markant angesichts der anhaltenden Unstimmigkeiten. Vermutlich ist es weniger Einsicht als Druck seitens der Wähler, welcher die Vizepremierminister Matteo Salvini und Luigi Di Maio bewogen hat, gegenüber der EU Gesprächsbereitschaft zu signalisieren. Inzwischen finden 60% der Italiener, ihre Regierung solle der EU entgegenkommen, und nur gut 40% glauben daran, dass die versprochenen Wahlgeschenke die Wirtschaft des Landes auf Touren bringen werden. Skepsis scheint aber angebracht, ob zwischen den Positionen der EU und der italienischen Regierung überhaupt noch ein gesichtswahrender Kompromiss möglich ist. Wahrscheinlicher ist wohl, dass die eine oder andere Ratingagentur noch einmal den Daumen senkt und Italien um ein Defizit-Strafverfahren nicht herumkommt.

Ähnlich unsicher bleibt die Lage an der Brexit-Front. Zwar erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für einen milden Ausgang des Dramas mit jedem Tag, den sich Theresa May im Amt hält, aber die Zustimmung des Unterhauses zum Deal mit der EU ist nach wie vor alles andere als sicher. Im Gegenteil beruht die erforderliche Zustimmung der oppositionellen Labour-Partei – mit Theresa Mays Tories und der nordirischen DUP wird es wohl keine Mehrheit für den Deal geben – auf deren politischem Kalkül: Nur für den Fall nämlich, dass Labour-Chef Jeremy Corbyn eine Chance sieht, mit Zustimmung zum EU-Brexit-Deal die Tories zu spalten und damit baldige Neuwahlen zu erzwingen, dürfte er seine Partei mit May und ihren Soft-Brexiteers die Vereinbarung absegnen lassen. Hält er diese Wette aber für zu riskant, etwa weil sich die Abneigung der Wähler gegen den Deal dann gegen Labour wenden könnte, droht nach wie vor ein harter, nämlich gänzlich ohne Leitplanken stattfindender Brexit. Die Lage bleibt undurchsichtig, Wetten auf einen günstigen Ausgang unkalkulierbar.

Was bedeutet das für Anleger?

Am berechenbarsten erscheint in dieser Gemengelage noch der Blick auf die Notenbanken. Zuletzt hatte Fed-Chairman Jerome Powell angedeutet, der US-Leitzins befinde sich schon ganz in der Nähe seines neutralen Niveaus, mit anderen Worten bis dahin fehlen nur noch wenige Schritte. Noch vor wenigen Wochen klang das ganz anders, und es kommt der Verdacht auf, die Fed beuge sich hier dem Druck aus dem Weißen Haus. Realistischer ist aber, dass die Fed selbst vor allem die Inflationsdynamik schwächer einschätzt als noch vor wenigen Monaten. Unserer Meinung nach ist davon auszugehen, dass Powell bei seinen Äußerungen den core PCE-Wert für November, der letzte Woche mit 1,8% deutlicher unter das 2%-Ziel zurückfiel als erwartet, bereits kannte. Vieles spricht somit dafür, dass die Fed nach dem wahrscheinlichen Schritt am 19. Dezember eine Pause einlegt. Für verunsicherte Märkte wären das gute Nachrichten, für eine echte Jahresendrally aber vermutlich zu wenig.

 

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