Blick auf die Märkte im April 2019 #4

Keine Rezession in Sicht

30. April 2019
Felix Herrmann
BlackRock Kapitalmarktstratege

Da staunten viele Analysten am vergangenen Freitag nicht schlecht:  Um annualisiert 3,2 Prozent ist die US-Wirtschaft im ersten Quartal dieses Jahres gewachsen. „Government Shutdown“, Handelsstreitigkeiten und einer kurzzeitig in Teilen invertierten US-Zinskurve zum Trotz läuft die US-Wirtschaft nach wie vor mehr als rund. Traditionell ist das erste Quartal in den USA seit Beginn dieses Jahrzehnts oft das schwächste im Vergleich mit den Quartalen zwei bis vier. Als umso bemerkenswerter sind die jüngsten Zahlen des Bureau of Economic Analysis auf den ersten Blick einzuschätzen. Linst man jedoch unter die Motorhaube der US-Wirtschaft, offenbart sich, dass insbesondere gestiegene Nettoexporte für die starke Zahl verantwortlich gewesen sind. Die Nettoexporte sind hingegen nur deshalb gestiegen, weil die Importe aufgrund eines schwächeren US-Konsums zurückgegangen sind. Gleichzeitig wuchsen die Lagerbestände vieler US-Firmen an, da Güter nicht wie geplant abgesetzt werden konnten. Obwohl diese Betrachtungsweise etwas Wasser in den Wein kippt, steht es unter dem Strich gut um die US-Ökonomie. Da die globale Wirtschaft ab dem zweiten Quartal – China sei Dank – sogar eher noch Fahrt aufnehmen dürfte, geht die Wahrscheinlichkeit einer US-Rezession im Jahr 2019 immer mehr gegen Null.

Heute Vormittag erfahren wir in einer ersten Schätzung, wie sich die Wirtschaft in der Eurozone in den ersten drei Monaten des Jahres geschlagen hat. Die Konsensprognose des Marktes liegt bei 0,3 Prozent im Quartalsvergleich – annualisiert entspräche dies 1,2 Prozent und somit deutlich weniger als in den USA. Schwache Exportzahlen belasten auf unserem Kontinent derzeit die Konjunktur, was sich ganz besonders in der Schwäche der Industrie manifestiert. Aber auch für Europa sind die weiteren Aussichten gar nicht mal so schlecht. Mehr noch als die USA dürfte Europa von der Wachstumsbeschleunigung in China profitieren, die wir wohl ab dem zweiten Quartal 2019 zu spüren bekommen werden. Sorgen bereitet jedoch weiterhin, dass es wohl zur Einführung von US-Autozöllen kommen wird – zumindest zu deren ernsthafter Androhung, die Investoren und Märkte fast genauso schocken dürfte. Letztlich deutet allerdings vieles auf eine „L-Formation“ der Entwicklung des Eurozonen-Wachstums hin: Nach dem deutlichen Rückgang in den letzten Quartalen, ist nun eine Stabilisierung in etwa auf dem aktuellen Niveau zu erwarten.

Außerdem im Fokus in dieser Woche: Die Veröffentlichung der Inflationszahlen in der Eurozone für den Monat April am kommenden Freitag. Jeder übermäßige Anstieg wäre eine faustdicke Überraschung. Besonders auffällig war zuletzt der Verfall der langfristigen Inflationserwartungen in der Eurozone. Jene Inflationserwartungen also, auf die die EZB ganz besonders schaut. Diese notieren in der Nähe des tiefsten Werts seit der Finanzkrise und somit bemerkenswerterweise unterhalb des Niveaus nachdem die EZB im Jahr 2015 ihr Anleiheankaufprogramm begonnen hat, mit dem sie vor allem eines erzeugen wollte: Inflation.

Was bedeutet das für Anleger?

Gerade das starke Wachstum in den USA könnte zur Folge haben, dass Anleger ihre Zinserwartungen für das laufende Jahr anpassen müssen. Aktuell rechnet der Markt im weiteren Jahresverlauf noch mit einer Senkung des US-Leitzinses um 25 Basispunkte. Je robuster sich die Verfassung der US-Wirtschaft entpuppt, desto unwahrscheinlicher wird jedoch ein zeitnaher Kursschwenk der Fed in Richtung Zinssenkung. Zumal bereits ein zarter Rhetorikschwenk seitens Powell eine gewisse Gefahr beinhalten würde: Sollte eine Zinssenkung auch nur zaghaft in Aussicht gestellt werden, würden Anleger wohl damit beginnen, unmittelbar einen ganzen Senkungszyklus einzupreisen. Derartige Erwartungen wieder einzufangen, käme für die Fed einer Herkulesaufgabe gleich. Nicht zuletzt deshalb dürfte bei der US-Notenbank eine Korrektur der aktuell eingepreisten Zinssenkung recht weit oben auf der Agenda stehen. Gelegenheit dazu bietet sich in dieser Woche auf der Pressekonferenz im Anschluss an die Fed-Sitzung, die morgen endet. Wir halten aus heutiger Sicht eine weitere Zinsanhebung zwar nach wie vor für wahrscheinlicher als eine Senkung, wenngleich derzeit am allermeisten für ein unverändertes Zinsniveau bis Jahresende spricht.

Sollte es der Fed gelingen, die Zinssenkungserwartung des Marktes einzufangen, würde das die Aktienmärkte für sich genommen eher belasten. Nach dem Erreichen neuer Allzeithochs von US-Aktien in der letzten Woche mag man sich ohnehin fragen, ob die Rallye seit Jahresbeginn nicht viel zu schnell und viel zu stark verlaufen ist. Die erhoffte und sich nun einstellende Stabilisierung makroökonomischer Fundamentaldaten, die im weiteren Jahresverlauf auch auf die Unternehmensgewinne durchschlagen dürfte, gepaart mit Zentralbanken, die abgesehen von Feinjustierungen wohl bis auf weiteres die Füße stillhalten werden, entfaltet sich durchaus jedoch das Potenzial, dass aus einem „Rebound“ an den Aktienmärkten eine nachhaltige und länger anhaltende Hausse werden kann.

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