Blick auf die Märkte im Juli 2019

Anleger in Alarmbereitschaft

23. Juli 2019
Felix Herrmann
BlackRock Kapitalmarktstratege

Der Start in das zweite Halbjahr verlief an den Finanzmärkten bislang eher schleppend. US-amerikanische Aktien konnten seit Ende Juni nur moderate Kursanstiege verbuchen. Europäische Aktien treten im zweiten Halbjahr hingegen bis dato auf der Stelle, genauso Aktien aus den Schwellenländern. Vielen Anlegern steht erkennbar ein Fragezeichen ins Gesicht geschrieben, wie die Reise an den Märkten nun weitergehen mag. Gleichzeitig fühlt es sich ein wenig nach der Ruhe vor dem Sturm an, da in den nächsten Wochen viele wichtige Fragen geklärt werden dürften. Etwa wie es in Sachen Brexit unter dem neuen Premierminister weitergeht. Oder ob die EZB tatsächlich eine geldpolitische Lockerung noch in diesem Jahr vorbereitet. Auch spannend: Wird die US-Notenbank den Zins womöglich radikaler senken als von vielen Marktteilnehmern gegenwärtig erwartet? Gibt es vielleicht sogar zeitnah Neuwahlen in Italien? Und was mit dem Konflikt in der Golfregion? Fragen, die ein gewisses Zögern unter Anlegern durchaus erklären können – allerdings bei erhöhter Alarmbereitschaft, da je nachdem, wie diese Fragen beantwortet werden, mitunter Neupositionierungen in den Portfolios notwendig werden könnten.

Heute zur Mittagszeit (11 Uhr Londoner Zeit) werden die Briten erfahren, wer ihr neuer Premierminister wird. Glaubt man den Quoten britischer Wettbüros, spricht vieles dafür, dass sich die rund 180.000 Tory-Parteimitglieder für Boris Johnson als neuen Parteichef und somit als Nachfolger von Theresa May entschieden haben. In den letzten Tagen und Wochen hat sich bereits abgezeichnet, wie chaotisch der Start der Amtszeit von Boris Johnson werden könnte. Johnson selbst möchte Großbritanniens Austritt aus der EU um jeden Preis bis Ende Oktober vollzogen sehen. Zuletzt mehrten sich sogar Gerüchte, Johnson wolle sich des Instruments der Prorogation bedienen, um den Brexit durchzudrücken. Dabei handelt es sich um eine vorzeitige Beendigung der Sitzungsperiode des britischen Parlaments. Johnson könnte, so die Sorge, diese Pause so legen, dass der 31. Oktober genau hineinfällt und eine Intervention der „No-Deal-Gegner“ damit verhindern. Allerdings erschwerte das Parlament letzte Woche in einer Entscheidung die Prorogations-Strategie und das sogar mit Hilfe mehrerer Tory-Abgeordneter. Da einige Kabinettsmitglieder übers Wochenende sogar ihren Rücktritt für den Fall, dass Johnson neuer Premier werden sollte, angekündigt haben, dürfte sich das politische Drama auf der Insel also bis auf weiteres erst einmal fortsetzen. Wir rechnen bis Ende Oktober noch mit mehreren Tricks, Kehrtwenden und Überraschungen. Nach wie vor gilt jedoch: Ein „No-Deal-Brexit“ bleibt theoretisch weiter möglich – wahrscheinlich ist er aus unserer Sicht allerdings nicht.

Den Italienern droht derweil wieder einmal ein vorgezogener Urnengang. Die Regierungskoalition bestehend aus der Fünf-Sterne-Partei und der Lega ist hoffnungslos zerstritten. Endgültig scheitern könnte das Bündnis nun am Konflikt um die Autonomie mehrerer italienischer Regionen, die von der Lega gefordert, von der Fünf-Sterne-Partei allerdings abgelehnt wird. Da aber auch ansonsten in Sachen Reformen so gar nichts voran geht, lautet die Frage nicht ob, sondern wann es Neuwahlen gibt. Die Lega liegt in den Umfragen vorne und hat entsprechend durchaus ein verstärktes Interesse an einer erneuten Befragung des Volkes.

Währenddessen könnte die EZB am Donnerstag den Weg für eine umfassende Lockerung der Geldpolitik in Europa frei machen. Wir rechnen mit einer Senkung des Einlagesatzes um zehn Basispunkte im September. Zudem erwarten wir im Nachgang eine Neuauflage des Anleiheankaufprogramms. Begründen könnte die EZB derlei Maßnahmen unter anderem mit einer möglichen Anpassung des Inflationsziels. In der letzten Woche hat der EZB-Stab mit einer Untersuchung der Frage begonnen, ob das Inflationsziel eine vergangenheitsabhängige Komponente bekommen soll. Mit anderen Worten: Darf in Zukunft nach einer langen Phase mit zu niedriger Inflation eine höhere Inflation nicht nur toleriert, sondern sogar aktiv angestrebt werden? Sollte diese Frage mit ja beantwortet werden, fiele die Argumentation der EZB für eine Lockerung im aktuellen Inflationsumfeld (noch) leichter. Allerdings darf weiterhin daran gezweifelt werden, dass mit den bekannten Mitteln der Geldpolitik eine Japanisierung der Eurozone tatsächlich abgewendet werden kann.

Was bedeutet das für Anleger?

Der Mix aus erhöhten politischen Risiken gepaart mit der Aussicht auf anhaltend niedrige Zinsen spricht nach wie vor für ein verstärktes Engagement an den europäischen Rentenmärkten. Da gleichzeitig die Rezessionsgefahren überschaubar bleiben und die Delle bei den Unternehmensgewinnen nur vorübergehend sein dürfte, gilt dennoch nach wie vor unser Mantra, wonach wir eine moderate Übergewichtung von Aktien in Erwägung ziehen.

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