Blick auf die Märkte im September 2019

Eskalation im Mittleren Osten

17. September 2019
Dr. Martin Lück
Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock

Die von Iran unterstützten Huthi-Rebellen im Jemen haben sich zu dem verheerenden Anschlag auf die Ölverarbeitungsanlagen im saudi-arabischen Abqaig bekannt, aber ob wirklich aus Richtung Süden anfliegende Drohnen die Explosionen ausgelöst haben oder doch eher von Norden kommende Marschflugkörper, wie Zeugen behaupten, werden wir vielleicht erst viel später erfahren. Vielleicht auch nie. Im Moment tobt noch der Kampf um die Deutungshoheit. Wie zu erwarten haben die USA ihre martialische Rhetorik gegenüber Teheran hochgefahren. Man sei ‚locked and loaded‘, um gegenüber Iran loszuschlagen, ließ der Präsident verlauten. Problematisch bezüglich der Glaubwürdigkeit dieser Pose ist nur, dass erst vor wenigen Tagen Trumps Sicherheitsberater John Bolton, ein Befürworter militärischen Vorgehens im Mittleren Osten, seinen Hut nehmen musste. Das Signal, demzufolge Donald Trump gegenüber Iran im Zweifel nur bellt aber nicht beißt, könnte sowohl bei Hassan Rohani als auch den amerikanischen Wählern angekommen sein. Für Trump könnte im Hinblick auf den Wahlkampf 2020 noch zum Problem werden, dass er sich durch seine brachialen Tweets diesbezüglich in die Ecke manövriert hat.

Die Finanzmärkte haben auf den Schlag ins Ölkontor, der nach saudischen Angaben rund 5,7 Mio. Barrel Rohöl und damit über die Hälfte der vom Königreich bereitgestellten Menge vom weltweiten Angebotstisch nimmt, wenig überraschend mit Kursabschlägen reagiert. Noch am Wochenende schnellte der Rohölpreis zunächst um fast 20% nach oben, nur um gleich darauf wieder um 10% nachzugeben. Letzteres erklärt sich dadurch, dass nicht nur Saudi-Arabien selbst über umfangreiche Reserven verfügt, um eine plötzlich auftretende Angebotsverknappung auszugleichen, sondern auch die US-Regierung sogleich ankündigte, ihre strategischen Ölreserven anzuzapfen. Am Aktienmarkt, der in der Vorwoche durch Entspannung im Handelsstreit zwischen den USA und China einen erleichterten Kursanstieg verzeichnet hatte, lieferte der Start in die Woche einen – wenn auch milden – Rücksetzer. Auf längere Sicht wird es nun darauf ankommen, wie schnell Aramco, die saudische Ölgesellschaft, die Schäden an den Ölanlagen von Abqaig reparieren kann. Vermutlich wird es Wochen, wenn nicht Monate dauern. Kommt aber auf Sicht das saudische Öl zurück an den Markt, dürfte der Anschlag vom Wochenende die globalen Wachstumsaussichten nur unwesentlich beeinträchtigen. Wichtiger aus Marktperspektive dürfte sein, ob der Schlag zu einer Eskalation militärischer Gewalt in der Region führt.

Letzten Donnerstag hat Mario Draghi einen seiner letzten großen Auftritte als EZB-Präsident genutzt, um einmal mehr seine außergewöhnlichen Fähigkeiten als Finanzmarktflüsterer unter Beweis zu stellen. Viele Beobachter hatten im Vorfeld spekuliert, ob die EZB überhaupt in der Lage sein würde, die enormen Erwartungen, die sich im Vorfeld aufgebaut hatten, zu erfüllen. Aber Draghi schaffte es, durch ein wohldosiertes Paket positiv zu überraschen. Zwar fiel die Zinssenkung mit zehn Basispunkten sogar ein wenig kleiner aus als erwartet, und gleiches gilt für die Ankündigung, ab November wieder Anleihen im Wert von 20 Mrd. Euro zu erwerben. Hier hatte der Markt eher mit etwas über 30 Mrd. gerechnet. Allerdings kompensierte die EZB diese eher moderaten Zahlen mit der Tatsache, dass für die Anleihekäufe erstmals kein Enddatum gesetzt wurde. Vielmehr sollen sie solange laufen, bis die Inflation „robust“ wieder in der Nähe von 2% ist, und dies gilt für die Zinsen ebenso. Damit knüpfte die EZB ihre „Forward Guidance“ erstmals nicht an ein Datum, sondern an die Bedingung, dass ihr Inflationsziel erreicht wird. In dieser Woche wird nun zu sehen sein, wie sich andere Zentralbanken positionieren. Viele Augen sind etwa auf die Schweizer Nationalbank gerichtet, die versuchen dürfte, den Schweizer Franken vor weiterer Aufwertung zu bewahren. Im Fokus steht natürlich auch die US-Fed, wo Chairman Jerome Powell den Mittelweg finden muss zwischen besonnenem, ökonomisch vernünftigem Handeln und einer angemessenen Reaktion auf die pausenlosen Twitter-Beschimpfungen aus dem Weißen Haus. Der Markt preist jedenfalls eine Zinssenkung von 25 Basispunkten für den morgigen Mittwoch mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 85% ein. Das ist vermutlich mehr als notwendig, aber weniger als Trump gern hätte.

Was bedeutet das für Anleger?

Obwohl auch die Bank of England in dieser Woche eine Zinsentscheidung zu treffen hat (der Markt und wir rechnen mit einem unveränderten Leitzins von 0,75%), steht eher die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes über die Verfassungsmäßigkeit der Parlamentssuspendierung im Mittelpunkt. Erklärt der Supreme Court den Coup von Premier Boris Johnson, das Unterhaus in eine fünfwöchige Pause zu schicken, für verfassungswidrig, könnte der umtriebige Bewohner von 10 Downing Street zurücktreten, munkeln manche. Aber angesichts des langen Anlaufs, den Johnson auf das Amt seiner Träume genommen hat, erscheint dies schwer vorstellbar. Vermutlich gilt aus seiner Sicht für einen eventuellen Rücktritt das gleiche, was er über seinen Appetit auf einen erneuten Brexit-Verlängerungsantrag gegenüber der EU gesagt hat: ‚I’d rather be dead in a ditch‘. Lieber liege er also tot im Graben. Angesichts der zur Auswahl stehenden Optionen weiß man kaum noch, was man Johnson und den Briten in diesem Zusammenhang wünschen soll.

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