Blick auf die Märkte im Oktober 2018 #1

Von Mini-Revoluzzern und Samba-Rambos?

02. Oktober 2018
Dr. Martin Lück
Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock

Hinter den Kulissen der italienischen Politik muss es ordentlich gekracht haben. Anders ist kaum zu erklären, dass die populistischen Parteichefs der Regierungsparteien, Luigi Di Maio von der Fünfsternepartei und Matteo Salvini von der Lega, letzten Donnerstagabend ein Budgetdefizit von 2,4% für 2019 ankündigten, obwohl ihr eigener Finanzminister, Giovanni Tria, wochenlang die Märkte auf einen niedrigen Wert einzuschwören versucht hatte. Selbstredend haben die Parteichefs damit ihren Finanzminister als Marionette geoutet und für die anstehenden Verhandlungen mit der EU womöglich entscheidend geschwächt. Außerdem hat die italienische Politik den schmalen Rest an Anlegervertrauen, der noch vorhanden gewesen sein mag, weiter erodiert. Die Rentenmärkte reagierten auf die Ankündigungen mit einer markanten Ausweitung der Risikoaufschläge.

Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass sich in Rom einmal mehr der populistische Dilettantismus gegen die ökonomische Vernunft durchgesetzt hat. Hauptsache, man bürstet das Establishment ordentlich gegen den Strich, egal wie die Folgen aussehen, schien die Devise zu sein. Fachwissen stört da nur. Es ist ein Muster, das wir nur zu Genüge von anderen populistischen Auswüchsen (siehe etwa Brexit oder Trump) kennen. Sollten Di Maio und Salvini dieses Spiel nun auf die Spitze treiben, dürften die Spreads weiter steigen. Bis spätestens 15. Oktober muss der Budgetentwurf im Rahmen des „Europäischen Semesters“ zur Abstimmung in Brüssel liegen. In diesen knapp zwei Wochen haben die römischen Mini-Revoluzzer das Potential, in einem ohnehin desorientierten Europa die Zuversicht der Märkte weiter einzutrüben.

Bei anhaltend positivem globalen Makroausblick sind es auch andernorts die politischen Unsicherheiten, welche Investoren Zurückhaltung üben lassen. So muss sich in Großbritannien Premierministerin Theresa May auf dem Parteitag der Tories noch bis zum 3. Oktober von den Befürwortern eines harten Brexit beschimpfen lassen. Und dies, obwohl letztere den Briten nicht nur seit nunmehr drei Jahren tolldreiste Lügenmärchen auftischen, sondern ihre völlig unrealistischen Brexit-Visionen auch noch als ernsthafte Optionen für die künftigen Beziehungen zur EU verkaufen. Theresa May wird der Versuch, es auch den Brexit-Befürwortern recht zu machen, bis Jahresende wohl ihre politische Karriere kosten, auf Anlagen in Pfund Sterling aber kommen in den nächsten Wochen wohl harte Zeiten zu.

Derweil bereitet sich Brasilien auf die Präsidentschaftswahl vor. Nach jüngsten Umfragen führt Jair Bolsonaro, ein rechtsextremer Karrierepolitiker, der in der Vergangenheit oft durch rassistische, frauenfeindliche und homophobe Äußerungen auffiel und deshalb auch als der brasilianische Trump gilt. Er spricht sich für die Todesstrafe ebenso aus wie dafür, alle Brasilianer Waffen tragen zu lassen und arme Leute zu sterilisieren. Zwar gilt Bolsonaro als wirtschaftsfreundlich und wir wissen spätestens seit der US-Wahl, dass Märkte opportunistisch reagieren und selbst größte charakterliche Verfehlungen ausblenden. Dennoch bleibt die Frage, wie ein derartiger Präsident die immer tiefere gesellschaftliche Spaltung in Lateinamerikas größter Volkswirtschaft überwinden und Investoren von der Attraktivität Brasiliens überzeugen soll. Aus unserer Sicht würde ein Wahlsieg Bolsonaros das Risiko einer politischen Destabilisierung Brasiliens massiv erhöhen. Gewinnt er am 7. Oktober, verfehlt aber die absolute Mehrheit, kommt es am 28. Oktober zu einer Stichwahl. Wahrscheinlichster Gegenkandidat dürfte Fernando Haddad von der Arbeiterpartei sein, der seinen inhaftierten Parteifreund Lula da Silva vertritt.

 

Was bedeutet das für Anleger?

Scheinbar unbeeindruckt von der politischen Kakophonie in den USA und anderswo normalisiert die Fed weiter ihre Geldpolitik. Nach dem Zinsschritt der letzten Woche, dem nunmehr achten seit Dezember 2015, rückt bereits das Ende der Zinsanhebungen in den Blick. Nach der nächsten Erhöhung am 19. Dezember, die bereits zu 77% eingepreist ist, dürften in der ersten Jahreshälfte 2019 noch weitere ein bis zwei folgen, bevor die Fed Zielerreichung verkündet und damit das Augenmerk der Zinsmärkte vollends auf die EZB umschwenkt. Schon zuletzt hatte sich der Euro trotz schwächeren Wachstums und erheblicher politischer Unsicherheiten auf dem alten Kontinent bemerkenswert robust gezeigt. Gut möglich, dass die Märkte hiermit den Regimewechsel bereits vorbereiten. Höhere US-Zinsen scheinen in den Kursen weitgehend enthalten zu sein. Spätestens zum Jahreswechsel dürften Investoren dann den Blick auf die erste Zinserhöhung der EZB richten.

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