Blick auf die Märkte im November 2018 #2

Zu viele Elefanten.

13. November 2018
Dr. Martin Lück
Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock

Die Erleichterungsrally bei US-Aktien nach den Midterms lässt darauf schließen, wie groß aus Sicht von Investoren der ‚Elephant in the room‘ gewesen sein muss. Zwar gaben amerikanische Indizes zum Wochenausklang einen Teil der zwischenzeitlichen Gewinne wieder ab, aber insgesamt blieb der positive Kurseffekt im Nachgang der Kongresswahlen erhalten. Befürchtungen seitens der Marktteilnehmer, eine blaue Welle könne Trumps Partei aus dem Amt fegen und die Wahlgeschenke des umstrittenen Präsidenten wieder einkassieren, bewahrheiteten sich ebenso wenig wie Szenarien eines Erdrutschsieges der Trumpisten, welcher wohl bedeutet hätte, dass Trump sich bestätigt gefühlt und anschließend noch aggressiver agiert hätte. Im Ergebnis lieferten die Wahlen damit genau den Split Congress, den Marktteilnehmer nicht nur erwartet hatten, sondern mit dem sie auch ganz gut leben können.

Dies alles gilt vor allem für die USA. In Europa bestehen die politischen Unsicherheiten, welche Anleger immer wieder um die Früchte des durchaus günstigen wirtschaftlichen Umfeldes bringen, unverändert weiter. Im Auge des Sturms steht, vermeintlich mit stoischer Ruhe, die EU-Kommission, die zwei harte Auseinandersetzungen gleichzeitig zu führen hat. Einerseits provozieren die Machthaber in Rom eine Eskalation bezüglich des Haushaltes 2019. Die EU hat den ersten Entwurf zurückgewiesen und Nachbesserungen gefordert, welche Italien bis zum heutigen 13. November beizubringen hat. Zwar scheint es seitens Matteo Salvini und Luigi Di Maio, den Chefs der Regierungsparteien, Bereitschaft zu leichten Modifikationen zu geben, es wäre aber eher überraschend, wenn diese die EU-Kommission zufrieden stellen würden. Im Ergebnis dürfte Italien wegen Verstoßes gegen den Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakt eine erhebliche Geldstrafe (die Rede ist von 3,5 Mrd. Euro) sowie eine neuerliche Unterwerfung unter die sogenannte „Excessive Deficit Procedure“ drohen. Die Ratingagenturen verfolgen dies mit Argusaugen, und auch die Aktionäre italienischer Banken werden ihre Schlüsse aus dem zunehmenden Risiko ziehen.

Komplette Verwirrung herrscht derweil beim Brexit. Zwar heißt es übereinstimmend aus Brüssel und London, das Austrittsabkommen sei zu 95% fertig verhandelt. An den fehlenden 5% aber beißen sich beide Parteien die Zähne aus, denn hier geht es um das Irlandproblem und damit die Quadratur des Kreises: Wie kann eine harte Grenze zwischen dem EU-Land Irland und dem zu Großbritannien gehörenden Nordirland vermieden werden, ohne dass beide im gleichen Zollgebiet sind und – noch – kein Handelsabkommen besteht? Die Lösung könnte sein, Nordirland vorübergehend in der EU (oder zumindest im Binnenmarkt) zu belassen, was aber die britische Regierung ablehnt. Alternativ könnte ganz Großbritannien in einer Zollunion mit der EU bleiben, was den Brexit aber sehr weich und damit aus Sicht vieler Briten, insbesondere in Theresa Mays Tory-Partei, inakzeptabel machen würde. Zumal die EU eine reine Zollunion als Rosinenpickerei ablehnt, für ihre Zustimmung zu diesem Plan also Forderungen aufstellt, die für Großbritannien wiederum schwer verdaulich sind. Insgesamt erscheint die Frage also verfahren. Bis dato hieß es oft, bis Oktober 2018 müsse ein Abkommen fertig sein, sonst reiche dir Zeit für die technische Umsetzung nicht mehr aus. Inzwischen ist nicht nur der Oktober vorbei, sondern auch der halbe November, und die Zeit wird spürbar knapp. Allerspätestens beim Europagipfel am 13./14. Dezember muss nun eine Einigung her. Bis dahin dürfte die Unsicherheit zunehmen, und die britische Währung unter entsprechendem Druck bleiben.

Was bedeutet das für Anleger?

Neben der naheliegenden Schlussfolgerung, in den nächsten Wochen auf Sterling-Risiken zu achten und mit einem vielleicht geplanten Einstieg in italienische Schuldpapiere noch etwas zu warten, dürfte auch der Blick auf die Neusortierung der amerikanischen Politik Anleger in Atem halten. Die Frage nämlich, ob der US-Präsident nun bald den Abschluss von Handelsvereinbarungen mit Chinesen und Europäern anstrebt oder weiter auf Krawallkurs bleibt, dürfte bezüglich der Einschätzung des globalen Wachstums von großer Bedeutung sein. Dafür, dass bald Abkommen mit China und der EU bevorstehen spricht, dass Trump sich mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2020 als Dealmaker präsentieren will. Dagegen spricht, dass er nun angesichts des zu erwartenden Gegenwindes im Repräsentantenhaus noch stärker auf Executive Orders, also Präsidentenerlasse, setzen wird, um seine Sicht der Dinge durchzubringen. Gerade in der Handelspolitik räumt die Verfassung dem Präsidenten hier umfassende Freiheiten ein. Insofern werden weiter viele mit Bangen Trumps Tweets verfolgen. Die Vorstellung ist ebenso wahr wie verstörend: der Makroausblick, und damit zu einem Gutteil die Aussichten für Risikoanlagen, hängen an den Launen des Hausherrn in 1600 Pennsylvania Avenue.

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